Grundschule Karl Oertel - Lehesten

„Grenzen überwinden: Die Mühlen entlang der Grenze“

eingereicht von der Staatlichen Grundschule „Karl Oertel“ in Lehesten/ Thüringen

1. Geschichtlich-regionaler Hintergrund

Mit dem Projekt „Über die Grenzen“ verwirklicht unsere Grundschule „Karl Oertel“ in Lehesten/Thüringen die Umsetzung eines Teils des Schulkonzeptes. „Tief verwurzelt auf den Spuren des blauen Goldes unter Mitwirkung neuer Medien“ ist der Leitgedanke für unsere Arbeit: Erleben-Erkennen-Erforschen!

Das Projekt „Über die Grenzen“ ist für uns aktuell, denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde unsere Stadt wegen der innerdeutschen Grenznähe zum „Sperrgebiet“ erklärt. Die in ihrer Art einmalige Berg- und Schieferstadt Lehesten liegt inmitten des Naturparks „Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale“. Südlich der Stadt verläuft der „Rennsteig“, westlich durchzieht das tief eingeschnittene Tal der Loquitz unser Land. Nach Norden öffnet sich die „Steinerne Heide“ bis zum Zusammenfluss der beiden Gebirgsbäche Loquitz und Sormitz, um schließlich in die Saale zu münden.

Mit dem Schieferabbau entwickelte sich auch das Dachdeckerhandwerk. Nicht umsonst entstand 1910 in Lehesten die älteste Dachdeckerschule Deutschlands. Nach jahrelanger Zweckentfremdung der Schule zu Zeiten der DDR als Kaserne der Grenzkompanie konnte sie 1992 wiedereröffnet werden und dient heute als Ausbildungsstätte für das Dachdeckerhandwerk. Viele Bauten zeugen vom Handwerk und Können unserer Dachdecker. Nicht umsonst nennen wir den Schiefer auch „Blaues Gold“.


2. Projektbeschreibung „Die Mühlen entlang der Grenze“

Die politischen Verhältnisse in Deutschland vor und nach dem Krieg spielen für die Umsetzung unserer Projektidee eine entscheidende Rolle. Die Grenze war allgegenwärtig. Nicht nur der die Region prägende Schieferbergbau ist für uns von Bedeutung, sondern auch das Hinterfragen von historischen Abläufen.
Horst Rost, geboren 1933, verbrachte seine Kindheit in Lehesten. 2009 veröffentlichte er ein Buch über seine Erinnerungen an die Berg- und Schieferstadt. Sein Motiv der Publikation war die Weitergabe der Erinnerung an das Leben vor über 60 Jahren. Er gibt Aufschluss, welche Sorgen und Nöte die Lehestener zu bewältigen hatten und was sie plagte. Im März 2010 hielt Herr Rost eine Buchlesung an unserer Grundschule und stellte seine Kindheitserinnerungen von der Schiefermühle dar. „Wo ist denn die Schiefermühle?“, fragten die Kinder neugierig, da sie von der Existenz einer Mühle noch nichts hörten. Er erzählte von einer langen Mühlentradition entlang des Grenzflusses Loquitz, die durch die Teilung Deutschlands jäh beendet wurde. Die Mühlenbesitzer erlitten dadurch ein bitteres Schicksal. Bei dieser Lesung entstand die Idee, einer besonderen Spur zu folgen. Diese Spur zieht sich entlang der Grenze, teils darüber hinaus.

Das traurige Kapitel sämtlicher Loquitzmühlen erweckte bei den Schülern den Wunsch, mit einem Weg an die ehemaligen Standorte der Mühlen zu erinnern. Ein „Mühlenweg“ war das Resultat monatelanger Recherchen sowohl im Unterricht als auch vor Ort am ehemaligen Grenzstreifen. Unermüdlich forschten sie nach und fragten im Familienkreis nach. Tatsächlich gelang es, ehemalige Mühlenbesitzer und deren Erben ausfindig zu machen.

Da Originaldokumente über die Geschichte fehlten, wurden Beschreibungen zusammengefasst wie sie in der Chronik von Lehesten, der Landeskunde des Herzogtums Meiningen sowie in Grenzkarten aufgeführt sind. Sehr bewegend war für die Schüler die Geschichte von der Alten Mühle. Familie Neumeister wurde nach Schmalkalden zwangsausgesiedelt und konnte ihr Eigentum erst fünf Jahre nach der Wiedervereinigung zurück erwerben.

Nicht nur die Schüler der vierten Klasse vertieften sich in die Historie, auch die Eltern unterstützten das Projekt „Mühlenweg“, indem sie Schiefertafeln mit den Aufschriften der ehemaligen Mühlen anfertigten und sie mit den Schülern am Wegrand der alten Lehestener Straße, welche in den „Westen“ nach Ludwigsstadt führt, zur Erinnerung aufstellten. Dieser Weg beginnt an der Quelle der Loquitz in der Nähe der Grenze und wurde durch unsere Schüler, Eltern und Lehrer bis zur Landesgrenze nach Bayern bisher beschildert und aufbereitet. Am 19. Juni 2010 weihten wir im Beisein der Lehestener Bevölkerung und ehemaligen Bewohnern diesen Weg mit einer Wanderung ein.

Die Fortsetzung der Spurensuche übernahmen in diesem Jahr die Viertklässler. Ihr Ziel als Abschluss der Grundschulzeit ist das Aufstellen von kleinen Modellen dieser Mühlen. Sie werden im Werkunterricht angefertigt und im Kunstunterricht gestaltet.
Fünf Mühlenmodelle werden im Brennersgrüner „Moosdorf“ von den Schülern aufgestellt. Wir wählten diesen Standort, weil er unmittelbar an der ehemaligen Grenze gelegen ist. Die Grenzsoldaten patrouillierten damals auf dem Plattenweg im so genannten Niemandsland. Über diese Grenze sollen unsere Grundschüler nicht erst aus Geschichtsbüchern in fortführenden Schulen erfahren, sondern altersgemäß hier an Ort und Stelle von ihrem Heimatort.

Eine weitere Aufgabe bis Mai 2011 ist das Einsetzen eines Mühlrades in die noch vorhandenen Mauerreste der Schiefermühle. Das Mühlrad wurde von der Naturparkverwaltung Leutenberg und unseren Schülern gestaltet. Es soll durch Rauscherbach und Loquitz angetrieben werden. Das Prinzip der Energieerzeugung durch Wasserkraft, die für den Broterwerb der ehemaligen Mühlenbetreiber an der Loquitz wichtig war, wird den Wanderern des Mühlenweges damit verdeutlicht. Unsere Ergebnisse können ab 21. Mai im Technischen Denkmal „Historischer Schieferbergbau“ in einer Ausstellung besichtigt werden.

Unsere Aufgabe ist und bleibt es unseren Grundschülern die Geschichte unserer Schieferregion, das Nachspüren und Einordnen von Erlebnissen alter Lehestener, nachvollziehbar zu vermitteln und dabei an Traditionen anzuknüpfen. Unser Mühlenweg könnte ca. 30 km entlang vieler noch teils gut erhaltener Mühlen an der Loquitz bis nach Kaulsdorf führen. Dort mündet die Loquitz mit der Sormitz in die Saale.


Bilder des HISTORY-AWARD

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