Kind und Kegel Eichwalde

„Grenzen überwinden: Auf den Spuren des Wilsnacker Wunderbluts“

Ohne lebendiges Interesse an Geschichte gäbe es keine Geschichtsschreibung. Das eigene Interesse ist jedoch immer in der Gegenwart verhaftet.

 

Zum Thema „Über die Grenzen“ kamen so bei den Kindern zunächst Urlaubsreisen und die damit verbundenen Erlebnisse zur Sprache. Schnell folgten Erzählungen von Grenzerfahrungen anderer Art.  Von Verboten, die nicht eingehalten wurden,  ekligem Essen oder beim Sport gemachten körperlichen Grenzen. Berichte aus bis zu zehn Jahren geballter und lebendiger Lebenserfahrung der Kinder und somit bereits Lebensgeschichte. 

 

Vom geschichtlichen Aspekt interessierte vor allem mittelalterliches Leben. So besuchten wir Berliner Museen, um uns den Menschen des Mittelalters zu nähern, um mehr über ihre Lebens- und Gedankenwelt zu erfahren und nach ihren Grenzen zu forschen.

 

Schnell merkten alle, der christliche Glaube hatte in dieser Zeit einen vollkommen anderen Stellenwert. In der Gemäldegalerie ließen die eigenen Kenntnisse biblische Geschichten in nordeuropäischen Landschaften rasch den eingeschränkten geographischen Erfahrungshorizont der Menschen im Mittelalter erkennen. Bereits hier kam die Frage nach der Mobilität breiter Bevölkerungsschichten im Mittelalter auf, auch der unterschiedliche Bildungsgrad und die Standesgrenzen wurden durch die Kunst sichtbar.

 

Die Ortsgrenze als schwer überwindbare Barriere zu erkennen, war eine neue Erfahrung für Kinder, für die uneingeschränkte Mobilität zum Alltag gehört. Ein Stadttor als Möglichkeit, die Stadt gegen die Umgebung abzugrenzen, die kleinen Wehrkirchen der Region als letzte Bollwerke der Landbevölkerung, dies machte die Grenzgeschichte der Mark Brandenburg lebendig.

 

Dennoch fiel es schwer, den Besuch der nächsten Stadt als mittelalterliche „Grenzüberschreitung“ nachzuempfinden. Zu weit driften hier unterschiedlichen Lebenserfahrungen von Vergangenheit und Gegenwart auseinander. Was den Menschen damals als Wagnis erschien, ruft in der Gegenwart nur ein müdes Lächeln hervor.

 

Anders gestaltete sich dies beim Thema Pilgern. Hier waren die Kinder von der vollkommen anderen Gedankenwelt des Mittelalters beeindruckt. Jede gepilgerte Meile bedeutete Sündenvergebung. Mühsal als Schlüssel zur himmlischen Glückseeligkeit. Das Leben war nicht auf das irdische Leben ausgerichtet. Der Weg ins Himmelreich war das Ziel eines Jeden, losgelöst von Bildungs-, Standes-, Sprach- oder auch geographischen Grenzen. Das Pilgern ermöglichte die Besinnung auf das Wesentliche. In einer Zeit, in der Sündenvergebung und Heiligenverehrung den Tagesrhythmus, Standesgrenzen und Lehnsherren über jeden Schritt bestimmten, war das breite Volk nur während des Pilgerns in der Lage, das eigene Leben ein Stück weit in die Hände zu nehmen. Sie verließen ihre Heimat, viele kamen nie zurück. War es unerschütterlicher Glaube, Einfältigkeit oder Wagemut? Die Ziele waren klar vorgegeben: Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela oder Aachen sind auch in der Gegenwart als Wallfahrtsziele bekannt.

 

Bis heute haben alle Religionen heiligen Stätten, die nach wie vor Ziel vieler Pilger sind. Somit verbindet das Pilgern Vergangenheit und Gegenwart sowie alle Menschen miteinander.  

 

Die großen Pilgerziele des Mittelalters waren für die Kinder unerreichbar. Pilgerziele in der näheren Region schien es nicht zu geben. An dieser Stelle holte uns die Geschichte ein. Brandenburg hatte mit der Reformation seine katholische und nach dem Krieg seine christliche  Sozialisation in gewisser Weise abgestreift. So ist das Wissen um Wilsnack, einen der bekanntesten Wallfahrtsorte des Mittelalters, heute nahezu vergessen.

 

Bei der Recherche interessierte so auch das Wiederentdecken dieses Wissens. Dabei stießen wir auf Wolfgang Holtz und Klaus Janetzki, Wegeforscher aus (West)Berlin mit beeindruckenden Grenzerfahrungen. In Vorbereitung einer Ausstellung des Reineckendorfer Heimatmuseums wanderten sie 1988 auf den alten Pilgerwegen, die einst Europa durchkreuzten  und ohne Genehmigung und Wissen der Sicherheitsorgane der DDR von Berlin nach Wilsnack. Wie Pilger Jahrhunderte vor ihnen, nahmen sie unangemeldet Quartier in Pfarrhöfen und bei Privatpersonen, wohl wissend, dass die Staatssicherheit nichts von diesem Unternehmen erfahren durfte.

 

Wolfgang Holtz erzählte uns zunächst die Geschichte Wilsnacks, angefangen bei der Brandschatzung durch Heinrich von Bülow, über die Rettung der Hostien, die fortan Blutstopfen zeigten. Er berichtete von der Geschäftstüchtigkeit des Havelberger Bischofs, über Sündenwaage und Sündenvergebung. Spannender konnte Geschichte nicht sein.

 

Dann nahm er uns mit auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Hier schloss sich der geschichtliche Kreis vom Mittelalter bis in die heutige Zeit. Geschichte erschient nicht mehr als klar umgrenzte Zeitspanne, sondern auch als Erzählung aus einem sehr persönlichen Blickwinkel.

 

Die wenigen Fragmente des Wissens aus dieser Zeit selber interpretieren und reflektieren, dies war unser Ziel. Jahreszahlen oder Grenzverläufe waren nie Inhalt des Projektes. Dennoch begriffen alle, wie sehr Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft sind. Und wir lernten die eigenen Grenzen kennen, denn die Pläne waren meist größer als die eigenen Möglichkeiten zu deren Umsetzung. Wir versuchten die Kleidung auf Bildern von Peter Paul Breugel mit einer Modedesignerin in Schnittmuster umzusetzen, die Kinder nähten sich einen Teil ihrer Kostüme selbst. Sie schnitzten Pilgerstäbe und sangen mittelalterliche Lieder. Sie lernten Tänze und froren einen Wintertag lang ohne Heizung. Die Dreharbeiten ließen die Jüngsten noch Nächte lang vom Überfall träumen.

 

So verwischten die Zeitgrenzen: Die Menschen des Mittelalters, ihre Gedankenwelt und ihre Lebensumstände wurden erfahrbar und hielten Einzug in die Spielwelt, wurden in Lego umgesetzt, wurden persönlicher. Spielerisch verinnerlichten die Teilnehmer so Wissen, das in der Schule oft mühevoll auswendig gelernt wird.

 


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