Spessart-Gymnasium – Alzenau

„Grenzen überwinden: Neue Wege über alte Grenzen gehen: Schnittstellen deutsch-russischer Geschichte“

Kriege prägten die gemeinsame Geschichte Europas und wirkten sich zerstörerisch auf Ansätze des Zusammen-lebens aus. Gerade aber für diese vorhandenen Wurzeln des politischen und kulturellen Austausches zwischen den europäischen Nationen will sich ein W-Seminar des Spessart-Gymnasiums informieren und wird bei seiner Arbeit sowohl finanziell als auch ideell und bei der Kontaktanbahnung von der Alexander Shorokhoff Uhrenmanufaktur GmbH  unterstützt.

Das W-Seminar „Schnittstellen“ ist dem Fach Geschichte zugeordnet und wird im September 2011 mit 15 Teil-nehmerinnen und Teilnehmern unter der Leitung von Frau U. Jebe beginnen. W-Seminar steht für wissen-schaftspropädeutisches Seminar und wird in der Oberstufe des achtjährigen Gymnasiums in Bayern zweistündig für eineinhalb Jahre abgehalten und hat als Ergebnis die Seminararbeiten der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler sowie die Präsentation der Untersuchungsergebnisse vorzuweisen. Vorgespräche mit russischen Lehrerinnen sind für Juli 2011 terminiert.
Im September wird jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ein vorläufiges, noch grob gefasstes Seminarar-beitsthema übernehmen. Ende Oktober, so die Planung, wird es dann für eine Woche nach Moskau gehen. Der Flug wird uns großzügiger Weise von der Uhrenmanufaktur Shorokhoff finanziert.

Eine kooperierende Schule wurde auch bereits gefunden. Die Städtische Schule Nr. 1227 in Moskau hat Englisch als Schwerpunkt und ist deshalb sehr gut geeignet mit den deutschen Seminaristen auf die Suche nach den Spuren der gemeinsamen Vergangenheit zu gehen. Allerdings ist sie vergleichsweise klein und kuschelig, was den deutschen Schülern bei einem Besuch in Moskau durchaus entgegenkommen dürfte. Mit 380 Schülern und 40 Lehrern erreicht sie gerade mal ein Viertel der Größe des Spessart-Gymnasiums, da mittlerweile fast 1500 Schülerinnen und Schüler eine schulische Heimat bietet. Die Schule Nr. 1227 hat eine fast 100-jährige Vergangenheit; 1913 errichtet, wurde hier erstmals der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen eingeführt, als 1917 das damals in Moskau seit 1849 bekannte Jungengymnasium Nr. 4 in das Gebäude einzog. Das Gymnasium wurde nach klassischen Prinzipien organsiert und hatte den Ruf eine der besten Bildungsanstalten Moskaus zu sein. Viele der Lehrer waren gleichzeitig Autoren von Lehrbüchern für Physik, Mathematik und Literatur. Bereits seit 50 Jahren wird Englisch als Schulfach gelehrt und eine Reihe von Fächern wird in englischer Sprache unterrichtet, so dass die Kommunikation der deutschen und russischen Projektteilnehmer beim Besuch in Moskau und beim Austausch von Untersuchungsergebnissen via Internet auf Englisch als Verkehrssprache ermöglicht ist.
Untersuchungsschwerpunkte des historischen Projektes sollen nicht etwa Kriege sein, vielmehr wird während der Seminararbeit nach weiterführenden Berührungspunkten der deutschen und russischen Geschichte gesucht und über den gemeinsamen kulturellen Hintergrund geforscht werden.

So wurde beispielsweise Zarin Katharina die Große, eine geborene Sophie Auguste Friederike, eine deutsche  Prinzessin von Anhalt-Zerbst also, zu einer der wichtigsten europäischen Herrschergestalten des 18. Jahrhunderts. Katharina baute Russland zu einem halbwegs modernen Staat und zu einer Großmacht aus, verwirklichte im Rahmen ihres aufgeklärten Absolutismus den Toleranzgedanken und siedelte beispielsweise deutsche Aus-wanderer an der Wolga an. Auch Gorbatschows Glasnost und Perestroika waren bahnbrechende Denkansätze des 20. Jahrhunderts zur Gestaltung einer neuen Welt ohne Kalten Krieg, führten einerseits zum Auflösungsprozess der Sowjetunion, trugen andererseits entscheidend zum Fall der Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung bei.

In Kooperation mit der  Moskauer Schule Nr. 1227 sollen zunächst wichtige weitere Schnittstellen der Geschichte Russlands und Deutschlands gesucht und daraus Themen für die Seminararbeiten der deutschen Projektteilnehmer entwickelt werden. Diese Themen werden idealerweise jeweils von deutschen und russischen Schülern bearbeitet. Die Ergebnisse der russischen wie deutschen Schülerinnen und Schüler sollen in Moskau und in Alzenau präsentiert werden. Vermutlich werden sich aus dieser Doppelpräsentation interessante Einblicke in die unterschiedlichen Perspektiven der Betrachtung und der Quellenlage ergeben, aber es werden sicherlich auch die Gemeinsamkeiten der europäischen Kulturhintergründe deutlicher hervortreten.

Themenbeispiele für Seminararbeiten, die natürlich in der Arbeitsphase noch weiter konkretisiert werden müssen sowie durch weitere Schnittstellen zu ergänzen sind, wären folgende Fragestellungen: War Katharina eine russischere als russische Zarin? Was waren die Hintergründe und Wirkungen des Übertritts Katharinas zum orthodoxen Glauben? Welche Gründe und Ziele gab es für die  Umbenennung Sophie Auguste Friederikes in Katharina? War die Gedankenwelt Katharinas abgeleitet aus der europäischen Aufklärung? Welche Bedeutung kam dem Briefwechsel mit Voltaire zu? Auch den Bereich der Ansiedlung von Deutschen an der Wolga  und die Langzeitwirkung der Ansiedlung von Deutschen gälte es zu untersuchen. Einen weiteren Schwerpunkt könnten die gemeinsamen Zukunftsträume einnehmen. Lenins und Liebknechts (Rosa Luxemburgs) Ideen in Hinblick auf eine sozialistische Räterepublik könnten die politischen Ansätze zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdeutlichen, und die Auswirkungen von Gorbatschows Reformprogramm auf die Sowjetunion und auf Deutschland würden die gesamte Fragestellung bis in die aktuelle Politik des frühen 21. Jahrhunderts verfolgen.

Inzwischen ist die Ausschreibung am Spessart-Gymnasium gelaufen und die Zusammenstellung der 15 deutschen Schülerinnen und Schüler erfolgt, so dass dem Projektstart im September 2011 nichts mehr im Wege steht und die abenteuerliche Suche nach den Schnittstellen der deutsch-russischen Geschichte begonnen werden kann.


Bilder des HISTORY-AWARD

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