Werner-von-Siemens-Gymnasium Regensburg

Geschichts- und Theaterprojekt des Gymnáziums Jindřich-Šimon-Baara in Domažlice und des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Regensburg

I. „Život na hranici - Leben an Grenzen“
SchülerInnen beider Schulen setzten sich gemeinsam mit der jüngeren Geschichte beider Länder auseinander, sammelten Vorurteile und interviewten Zeitzeugen im Grenzraum.
Die Ergebnisse wurden in einer Ausstellung präsentiert und schließlich zu einem Theaterstück verarbeitet, was eine noch intensivere Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen erforderte, allerdings auch die Bereitschaft, die Ereignisse der Vergangenheit auch aus dem durchaus verschiedenen Blickwinkel des jeweils anderen zu betrachten.

Der ernste Kern des Stücks bestand in der dramatischen Umsetzung mehrerer Lebensberichte, die von den SchülerInnen in Interviews mit Zeitzeugen (der „Müllner“ Hans Baumann aus Folmava-Vollmau, Pfarrer Sysel aus Domažlice sowie Frau Tereza Krutinová aus Postřekov) gesammelt worden waren.

Der „Müllner“ erzählt vom „Anschluss“ der Sudetengebiete an das „Reich“, von der Vertreibung der Deutschen und seinem Leben zwischen zwei Kulturen. Frau Krutinová, eine Deutsche, die in einen Tschechen heiraten will, erfährt die Diskriminierung der Tschechen nach 1938, erlebt einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen mit, erleidet den Verlust ihrer deutschen Angehörigen und erzählt von ihrem Leben auf einer Kolchose. Pfarrer Sysel erzählt vom politischen Klimawandel im Jahr 1938 und der Zwangsarbeit in Berlin. Auf der Suche nach spielbaren Elementen aus der Geschichtswerkstatt wurden die Szenen aus dem Stegreif erarbeitet und anschließend fixiert, so dass allmählich ein aufführungsreifes Bühnenstück entstand.

Die Rollen wurden nach Möglichkeit nicht so besetzt, dass Tschechen Tschechen und Deutsche Deutsche spielten; das Prinzip der Vertauschung wurde als reizvoll empfunden; zum Beispiel reihten sich in die Gruppe der Vertriebenen Tschechen mit großer Ernsthaftigkeit ein, offenbar empfanden die Jugendlichen solche Erfahrungen nicht als nationale, sondern als allgemein menschliche Erfahrungen. Zur Reflexion und zur emotionalen Vertiefung wurden szenisch umgesetzte historische Bilder eingefügt, z. B. jenes vom Einmarsch deutscher Truppen in Prag.

Das Stück begann mit satirischen Sketchen, die die Zeit nach der Öffnung der Grenze thematisieren und auf Anekdoten beruhten, die die Schüler in Erfahrung gebracht hatten. Dabei ging es um aus der Geschichte herrührendes Fehlverhalten und Verwicklungen im alltäglichen Umgang miteinander. Unter anderem wurde der deutsche Tanktourismus auf die Schippe genommen ebenso wie die Verlagerung deutscher Firmenstandorte nach Böhmen.

II. „Ktož jsú Boží Bojovníci – Die ihr Krieger Gottes seid“
In dem Folgeprojekt beschäftigten wir uns mit den Hussitenkriegen, also mit dem Aufstieg und Fall einer großen politischen Bewegung, die aus sozialen, nationalen und religiösen Zusammenhängen entstand, sich immer mehr militärischen Zielsetzungen und Zwängen unterwarf und sehr bald daran zugrunde ging.

Das Thema war für die Schüler und Schülerinnen beiderseits der bayerisch-tschechischen Grenze von besonderem Interesse. Domažlice stand fast immer auf hussitischer Seite und damit auch einmal im Zentrum einer großen militärischen Auseinandersetzung. Die Erinnerung an die Hussiteneinfälle ist andererseits an vielen Orten der Oberpfalz lebendig.

Es ging um den Versuch einer Differenzierung und Relativierung der überkommenen Geschichtsbilder. Die Tradition selbst sollte als problematisch erkannt, andererseits das historische Geschehen mit heutigen Erfahrungen verbunden werden, um neben dem affektiven Zugang auch eine distanzierte, intellektuell geprägte Haltung zu ermöglichen.

Es stellte sich schnell heraus, dass die hussitische Bewegung äußerst komplex war:

1. Sie war eine religiöse Bewegung, die zu neuen, weitreichenden Lebens- und Gesellschaftsentwürfen führte.

2. Sie lag im Interessenfeld mächtiger Instanzen der Zeit: König Wenzel, Kaiser Sigismund, der Prager Erzbischof, die Prager Kaufleute, die Neustädter Plebs, die südböhmische Erweckungsbewegung unter den Bauern, der tschechische Hochadel, der von Deklassierung bedrohte Landadel etc.

3. Sie war durch herausragende Personen geprägt: Hus, Žižka, Prokop der Kahle.

4. Sie entwickelte sich in Abhängigkeit von inneren und äußeren Bedingungen und Einflüssen (zunehmende Bedeutung der militärischen Führer, Entwicklung weiterreichender politischer Strategien, erlahmendes Interesse des städtischen Patriziats; die nationale Frage; Gegenstrategien des Kaisers und der Kirche, das Zerwürfnis zwischen Kalixtinern und Taboriten ...)

Unterschiedlichste menschliche Verhaltensmöglichkeiten wurden erkennbar: religiöse Begeisterungsfähigkeit, Engagement für eine gute Sache, persönlicher Ehrgeiz, Opportunismus, nüchtern rechnender Verstand, Niedertracht, Mordlust.

So waren die inneren Triebkräfte und der dialektische Charakter einer Bewegung zu studieren; gerade der Sieg in einer Schlacht kann Kräfte freisetzen, die zu einer Perversion der Bewegung und zu ihrem Niedergang führen.

Am Anfang stand ein Besuch der Hussitenstadt Tábor und des dortigen Hussitenmuseums. Die Schüler erarbeiteten den Stoff anhand einer vorbereiteten Museumsrallye. Die Erfahrungen wurden noch in Tábor und dann in der Schule in Domažlice besprochen und bei der Suche nach szenischen Umsetzungsmöglichkeiten vertieft. Es bot sich an, zunächst heutige Gefühlslagen und Verhaltensweisen in paradigmatischen Situationen zu erarbeiten, z. B. religiöses Bedürfnis, Gruppenbildung und Dynamik innerhalb einer Gruppe usw. Dabei griffen wir auf chorische Elemente zurück, auch weil sich damit das Problem der Zweisprachigkeit mildern ließ. Diese Choreographien wurden auf historische Ereignisse rückbezogen. Ausgegangen wurde auch von historischen Personen, deren Charakter diskutiert und dann einstudiert wurde, und von historischen Situationen, deren allgemeinere Bedeutung erschlossen werden sollte. Grundlage waren häufig historische Quellen.

 

III. Wirkungen

Die Stücke hatten jeweils eine Länge von etwa 90 Minuten und wurden mehrmals aufgeführt (in Regensburg, Domažlice, Furth im Wald, dort auch vor annähend 400 Schülern und im CeBB – Centrum Bavaria Bohemia – in Schönsee). Auszüge aus dem ersten Stück wurden bei verschiedenen Anlässen aufgeführt, so bei der Feierlichkeit zum Beitritt Tschechiens zum Schengener Abkommen (am Grenzübergang Schafberg-Folmava) und bei der Veranstaltung „20 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs“, ebenfalls in Furth (u.a. mit Hans-Dietrich Genscher).

 

 


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