Johanneum-Gymnasium, Geschichts-AG (Jahrganggstufe 9-13) - Herborn

„Bitterfeld ist die schmutzigste Stadt Europas!“?

 

In der Geschichts-AG des Johanneums Herborn hatten wir uns dafür entschieden, uns mit dem im Unterricht leider oft nur kurz behandelten Thema DDR und insbesondere der Wendezeit zu beschäftigen. Während dieser Einheit stießen wir auf den HISTORY-AWARD und entschlossen uns, mit einem Beitrag an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Schnell fand sich eine jahrgangsübergreifende, geschichts- und filmbegeisterte Gruppe (Anke Peters, Annabelle Jung, Helene Will, Julian Schädler, Kamil Siegel), die sich mit der Umweltpolitik der DDR auseinandersetzen wollte. 

 

 „B. ist die schmutzigste Stadt Europas.“ Dieser Satz aus dem Roman „Flugasche“ von Monika Maron und veranlasste uns dazu, uns exemplarisch mit den Umweltsünden in der Region Bitterfeld-Wolfen zu beschäftigen, wo sich der größte Standort chemischer Industrie der DDR und riesige Braunkohletagebauten befanden.

 

Wofür stand Bitterfeld früher? Und was ist heute daraus geworden? Handelt es sich immer noch um die „schmutzigste Stadt Europas“? Wie gingen die Menschen mit den Umweltsünden und Belastungen um? Wie gehen sie heute mit der Situation um? 

 

Diesen Fragen versuchten wir zunächst im heimischen Herborn auf den Grund zu gehen. Den Ausgangspunkt bildete dabei der Roman „Flugasche“, den wir auch mit der Realität im damaligen Bitterfeld verglichen. Hierzu recherchierten wir im Internet und vor allem in alten Ausgaben des „Spiegel“ und führten ein erstes Interview mit Frau Blümel, die früher im DDR-Ministerium für Umweltschutz und Wasserschutz gearbeitet hatte. Schließlich setzten wir uns eingehend mit der Dokumentation „Das war Bitteres aus Bitterfeld“ auseinander. Diese berichtet über die heimlichen Dreharbeiten zu „Bitteres aus Bitterfeld“, das 1988 schonungslos die Umweltsünden in der Region aufzeigte und für einen Skandal in Ost und West sorgte. Schließlich drehten wir den ersten Teil des Filmes, in der wir eine besonders eindrückliche Szene des Romans nachstellten, die unserer Meinung nach am besten die Grundaussagen des Buches verdeutlicht.

 

Im zweiten Teil des Projekts machten wir uns auf die lange Zugfahrt ins 400 Kilometer entfernte Bitterfeld, um uns in knapp drei Tagen selbst ein Bild von den heutigen und damaligen Zuständen zu machen. Wir wurden dort sehr freundlich aufgenommen und erreichten unser Ziel, durch Gespräche mit vielen Interviewpartnern ein möglichst breitgefächertes Bild zu erhalten. Zunächst erklärte uns der Leiter des Dezernates für Stadtentwicklung und Bauentwicklung, Herr Herrmann, auf einer Stadtrundfahrt die wichtigsten Fakten zur Geschichte und zur Stadt. Im Anschluss daran durften wir ein Interview mit der Oberbürgermeisterin, Frau Wust, führen, bevor wir im Industriemuseum Wolfen mit dem Leiter des Museums, Herrn Holz, sprechen konnten. Schließlich trafen wir auf den damaligen Umweltaktivisten Herrn Zimmermann, der uns ausführlich über die damaligen Dreharbeiten und deren Umstände berichtete. Ferner komplettierte ein Gespräch mit Frau Landgraf, die ihre Ausbildung in der Region machte, diesen Projektteil. 

 

Zu Hause angekommen versuchten wir, die verschiedenen Eindrücke zu sortieren und einigten uns auf eine Struktur für den zu erstellenden Film. Die Interviews wurden mehrmals geschaut und mussten leider auf die wesentlichsten Szenen reduziert werden. Zwischensequenzen wurden eingesprochen, Bilder, die uns das Museum zur Verfügung gestellt hatte, hinzugefügt und der Film in vielen Projektnachmittagen fertig geschnitten.

 

Insgesamt gesehen konnten wir feststellen, dass die DDR-Regierung die enorme Verschmutzung von Wasser und Luft ignorierte, ökonomische Interessen standen im Vordergrund. Daran änderte auch das Umweltministerium nichts. Die Menschen vor Ort fanden sich mehrheitlich mit den Belastungen ab und gingen pragmatisch mit der Situation um, auch wenn es vereinzelte Proteste gab, wie beispielsweise bei der Dokumentation „Bitteres aus Bitterfeld.“

 

Nach der Wende 1989/90 machte Bitterfeld einen großen Wandel durch. Positives wie die Stilllegung der „Dreckschleudern“ stand dabei dem Wegfall von Tausenden von Arbeitsplätzen gegenüber. Heute hat die Region damit zu kämpfen, ein neues, saubereres Image zu bekommen. Der Tourismus wird gefördert und erneut haben sich ein (im Vergleich zu damals kleinerer) Chemiepark sowie Solarzellenhersteller angesiedelt, trotzdem fällt die Umstrukturierung schwer. Bitterfeld ist somit nicht nur ein Beispiel für die abschreckenden Umweltsünden  und die eingeschränkte Meinungsfreiheit innerhalb der DDR, sondern auch für die Schwierigkeiten einer ostdeutschen Region, sich nach der Wende eine neue Zukunft aufzubauen. 


Bilder des HISTORY-AWARD

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